Nilbar Güreş - Tobias Putrih
Hallen 07, Wilhelm Hallen, Reinickendorf, Berlin
05.09.–13.09.2026
Kuratiert von Nathalie Hoyos und Rainald Schumacher
Die fünfte Präsentation der Art Collection Telekom in den Wilhelm Hallen im Rahmen der Berlin Art Week 2026 stellt zwei Werke gegenüber. Mudam Studio von Tobias Putrih, der in Boston lebt und unterrichtet und 1972 in Kranj in Slowenien geboren wurde, und Monstera von Nilbar Güreş, die 1977 in Istanbul in der Türkei geboren wurde und in Wien und Istanbul lebt.
Beide Werke halten sich an keine feste Form. Sie verweigern, eine vorher bestimmte Konstellation einzunehmen und lassen das Prozesshafte und das Ausufernde sichtbar werden.
Sie unterliegen nicht komplett der Kontrolle der Künstlerin oder des Künstlers. Das Arrangement der Blätter und Blüten von Monstera entsteht im Prozess des Aufbaus. Die Installation der einzelnen Objekte des Mudam Studio, zusammengesetzt aus Holzplatten mit einem Stecksystem, wird sich während der Ausstellung durch die aktive Beteiligung der Besucher und Besucherinnen erweitern und verändern.
Komplexe Prozesse bestimmen unsere Wirklichkeit. Gegenüber der Natur, als Abfolge sich gegenseitig beeinflussender chemischer und physischer Prozesse, sind wir ebenso bemüht, die Abläufe zu verstehen, wie gegenüber dem Chaos der unvorhersehbaren Ereignisse des Alltags. Das klassische Kunstwerk mit seiner statisch festen Form und seinem unveränderlichen Aussehen schafft einen idealisierten Ruhepunkt – einen Stillstand. Die beiden ausgestellten Werke versuchen einen anderen Weg. Angedeutet bei Monstera und konsequent bei Mudam Studio geht es um Offenheit, Flexibilität und die Anpassung an permanente Veränderung.
Mudam Studio wurde ursprünglich als Bibliotheks- und Werkstattraum für die Bildungsabteilung des Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean – MUDAM – in Luxemburg konzipiert. Es besteht aus über 1.000 einzelnen Teilen aus Holz, modular, jederzeit neu zusammensetzbar zu Tischen, Regalen, Sitzlandschaften und freien Formen und Konstruktionen. Das Werk bricht mit den Konventionen, die das Verhalten von Besucherinnen und Besuchern im musealen Raum festlegen. Das Werk kann jederzeit verändert werden. Nutzung und Partizipation werden zur fortlaufenden Verhandlung, das Provisorische wird zum Prinzip. Tobias Putrih, inspiriert von utopischen Architekturdenkern wie Buckminster Fuller oder Yona Friedman, baut Räume, die ihre eigene Funktion neu erfinden
Monstera verfolgt eine verwandte Zielsetzung mit entgegengesetzten Mitteln. Die Skulptur, benannt nach der lateinischen Bezeichnung für eine Pflanze, die ungewöhnlich geschlitzte und durchlöcherte Blätter aufweist, wächst regelrecht in den Ausstellungsraum hinein. Sie ist ungeheuerlich, seltsam, bizarr. Ihre kupfernen, tentakelartigen Ranken greifen nach benachbarten Objekten, nach einem Napf mit Katzenfutter, nach allem, was in Reichweite liegt. Wo Tobias Putrihs Ensemble den Raum durch geometrische Modularität neu organisiert, entfaltet das Pflanzenwesen von Nilbar Güreş eine invasive Dimension, eine organische, natürliche Kraft, die sich über alles hinweg wuchernd ausdehnen könnte. Zwischen Kunstwerk, Skulptur, Objekt und dekorativer, bunter Pflanze aus Textilien verwirrt sie das Nachdenken über die Kunst in einem kontinuierlichen Prozess, bei dem sich festgelegte Begrifflichkeiten vermischen und auflösen.